Staub

Wir sitzen und quatschen noch ein wenig herum und irgendwie kommt das Thema Fotoentwicklung auf. Nils erzählt, wie er früher Fime entwickelte - so richtig in der Dunkelkammer. Erzählt, wie er den Film aufwickelt und dass kein Licht darauf kommen darf. Und mir fällt ein, dass ich das ja eigentlich alles weiß. Dass du, wenn du ein Foto auf dem Papier entwickelst, Rotlicht haben darfst, aber eben nicht, wenn du einen Film entwickelst. Filme sind halt empfindlicher als Papier.

Meine Oma hat mir das alles beigebracht. Meine Oma hatte ein Fotostudio und als ich klein war, so an die sechs/sieben/acht Jahre alt, bevor wir nach Deutschland kamen, war ich öfters mit ihr in der Dunkelkammer und beobachtete sie bei der Arbeit. Ich habe noch die Bilder von dem Studio im Kopf. Ein Bau im Jugenstil - unglaublich hohe Decken wenn man so klein ist. An den Wänden stappelten sich die verschiedensten Fotopapiere in den verschiedensten Größen. Filme, Glühbirnen - Zeugs.

Der Eingang zur Dunkelkammer bestand aus zwei dicken, undurchsichtigen und unglaublich schweren Lappen oder Tüchern die von der Decke herab hingen. Zuerst schob man eins davon beiseite und befand sich schon vor dem anderen. Quasi eine Art Schleuse. Unglaublich eng. Den Geruch weiß ich nicht mehr, aber auf dem Boden der Schleuse war irgend so ein Fussabtreter aus Holz: ein paar schmale Balken ineinander geklopft. Sie knarschten immer wenn man sie betrat.

Also stand ich da und lernte. Lernte wie man das Papier belichtet, lernte wie man die Fotos zuerst in den Entwickler und dann in den Fixierer taucht. Ich weiß noch, wie ich vor einer weißen Schale mit der Flüssigkeit stand und zusah, wie auf einem weißen Blatt Papier allmählich die Geister von Menschen auftauchten. Eine dieser Schalen steht heute auf meinem Schreibtisch. Sie ist rot und ich bewahre in ihr meine Stifte und allerlei Krams auf. Ich mag sie sehr.

Wir reden und reden und plötzlich überkommt mich die Lust, diese Stadt mit einem schwarz/weiß Film bewaffnet unsicher zu machen. Später am Tag gehe ich in den Keller und hole die Kiev hoch. Auch sie habe ich von meiner Oma geerbt.

Die schönsten Dinge sind so unglaublich nahe. Vielleicht von einem Haufen Staub bedeckt, aber doch so nahe. Die liebsten Menschen verlassen uns, aber die Erinnerungen an sie bleiben. Und neue Menschen tauchen in unser Leben ein und manche von ihnen erlauben es uns, uns an die zu erinnern, die uns verlassen haben.

Danke Nils, dass du mir heute ermöglicht hast, mich zu erinnern.

_ - _ 200905162028

Atem

Unverhoft, unerwartet und einfach nur so, kommt der Gedanke an dich, der Gedanke an längst vergessene, glückliche und unbeschwerte Zeiten - so - weit weg und doch jetzt zum greifen nah. Ich drehe meinen Kopf ein ganz kleines Stück nach rechts und ohne auch nur meine Augen schließen zu müssen, lange überlegen zu müssen, am helligten Tag, mitten bei der Arbeit, sehe ich dein Gesicht so nah vor mir. Deine Stirn, deine Nase, deinen Mund, dein Atem berührt mich, während du schläfst - so friedlich - neben mir - ganz nah und ruhig. Ich bin - ja was - vollständig hier und jetzt.
_ - _ 200905140004

Stolz

Nach getaner Arbeit mache ich mich auf den Weg nach hause. Es ist ein schöner Abend – die Sonne scheint, obwohl es ziemlich kalt ist. Zu hause angekommen werde ich sonst etwas tun, aber dies ist auf dem Weg dorthin erst einmal Nebensache. Auf dem Weg zur Bahn kommen mir Leute entgegen; die Straße ist nicht wirklich voll, aber trotzdem muss ich hier und da ausweichen.

Ein Mann, eine Frau, noch ein Mann und dann wohl ein Vater gefolgt von seinem vier oder fünf Jahre alten Sohn. Der Kleine ist auf einem dieser Übungsfahrräder ohne Pedale und daddelt hinter seinem Vater her. Er freut sich einen Senkel und treibt sich immer wieder ganz stolz mit seinen kleinen Füssen vorwärts. Der Vater wiederum schaut ab und zu zurück, um nachzusehen ob der Kleine noch da ist.

Der Junge hat ein kugelrundes Gesicht und ist asiatischer Abstammung. Der Vater dann wohl auch, aber den nehme ich gar nicht richtig wahr. Der Junge ist nicht dick, nur sein Gesicht sieht aus wie ein Ballon. Wirklich ein super Bild - er da auf seinem kleinen Fahrrad. Strampel, strampel, strampel - und grinst sich einen Kecks, ein Lachen über's ganze Gesicht - und dieser Stolz, diese Freude in seinen Augen.

Und plötzlich merke ich, dass ich nur noch grinse, dass ich über den Kleinen, seinen Vater, dieses sich mir darbietende Bild schmunzeln, ja herzhaft lachen muss. Einfach schön.

_ - _ 200905132149

Düfte

Ich steige morgens um 9:45 auf dem Firmenparkplatz aus dem Auto. Es ist Frühling, einer dieser kälteren Morgen an denen du diesen unglaublichen Frühlingsduft vernimmst. Und er trifft mich - zugegeben unerwartet - dieser Duft, der schon da war, als ich noch klein war. Als wir im Kindergarten Spaziergänge unternahmen. Immer zwei von uns. Der eine hält den anderen an der Hand und immer die Sorge darum, heute bloss kein Mädchen zu erwischen.

Und auf einmal erwischt es mich wieder, es ist so, als ob dieser Tag wieder da wäre. Ich spüre plötzlich die Hand eines Kumpels in meiner rechten Hand; als ob er neben mir wäre, als ob ich wieder sechs wäre, als ob wir nur einen Spaziergang machen würden. Die laute, labernde Meute unserer Kameraden um uns herum, durch die Gassen wandernd. Und wir saugen sie auf - die Sonnenstrahlen, die Grüche. Und denken an nichts anderes als an das Hier und Jetzt.

Ich gehe hoch, mein Projektleiter hat Besuch von einer Frau aus dem Betriebsrat wegen eines Projektes für eben diesen. Mein Stuhl ist besetzt - ich hole mit einen anderen aus dem Büro nebenan - übrigens viel größer und schöner als das wo ich drin sitze. Vor dem Rechner sitzend brauche ich erstmal einen Kaffee, ohne geht's nicht. Ihn geholt, kann der Tag losgehen.

Mein Projektleiter hat sich inzwischen an mich gewöhnt. Richtig zutraulich ist er geworden. Macht ab und zu Witze und erwartet, dass ich darüber lache. Ich lache ihm zu liebe, damit er sich gut fühlt; geliebt, begehrt, akzeptiert oder was weiß ich. Ich hätte gern sein Leben - aber auch irgendwie bloss nicht.

Ich sehe aus dem Fenster, bin im fünften Stock, es sieht aus als würde es schneien - dabei sind es die Pollen die durch die Luft wirbeln um irgendwo anders als hier ein neues Leben zu erschaffen.

_ - _ 200905130017

Jean Giraudoux; Undine; Spülmagd

Ranzige Butter ist auf meinem Brot,
jedoch von höchstem Rang sind meine Leiden.
Ich wüßte eine Pferdeburschen Not
nicht von dem Gram der Königin zu scheiden.
Wie wirst du uns erkennen, Jesus Christ,
wenn wir vor Toren deiner Burg einst stehen?
Da jede von uns gleich gezeichnet ist
von Dornen, die im Hauch der Seufzer wehen.
Weil du nicht sehen kannst, dass ich Spülmagd bin,
reichst du die Krone mir dereinst hinaus
und deutest still auf deines Vaters Haus:
hier seid ihr alle eine Königin.
_ - _ 200905110907

Wie?

Wenn Du eine Schlange wärst, wäre ich eine Lilie. Wenn Du eine Nase wärst, wäre ich ein Eunuch.

Ich schnitt mir heute - nein - ich ließ mir heute die Haare schneiden. Und nun bin ich ein neuer Mensch. Ein anderer Mensch auf jeden Fall.

Mein Kopf fühlt sich viel kleiner an. Meine Ohren sind frei. Es dröhnt in meinen Ohren. Ganz laute Schreie. Und selbst zuhalten hilft nichts.

Ein komisches Gefühl nach so vielen Tagen mit vielen Haaren.

_ - _ 200905110142

Ferguson #2

Du stehst, nein du gehst auf Klo. Nun ist es so, dass deine Sonnenbrille mit einem Bügel in deinem T-Shirt hängt, also quasi in der Mitte deines Körpers gleich an deiner Brust. Ich frage: wenn dir diese Sonnebrille nun in das Klo fällt - holst du sie raus?

Müsste sie einen bestimmten Wert haben damit du es tust? Oder würdest du sie immer herausholen?

Auch wenn du dich auf einem öffentlichem Klo befindest und die Brille gerade mal 5 Euro wert ist? Was wäre mit einer 150 Euro Brille die dir in ein Dixi-Klo gefallen ist? Würde dies dein Verhalten ändern?

@home wärst du ja gezwungen - aber unterwegs? Die Frage ist auch: wie eigentlich? Womit? Du würdest es niemals tun?

Sag niemals nie!

_ - _ 200905110034

Was auch immer

Die einen sammeln DVDs. Die anderen sammeln Einkaufstüten. Falten sie sorgfältig zusammen. Legen sie ab.

Wiederum andere tragen nie ihr Abi T-Shirt.

Halten es sorgsam zusammengefaltet in einer Einkaufstüte ganz unten im Schrank.

Doch was haben sie davon? Sie haben nichts davon. Es liegt im Schrank und vergammelt. Und wenn sie sterben wird es weggeschmissen, weil es keinem mehr etwas bringt.

Armes T-Shirt - es hat seinen Zweck verfehlt.

_ - _ 200905110020

Die Zeit wird kommen

Es ist noch nicht so weit, der Tee ist noch nicht so weit. Einen guten Tee muss man ziehen lassen eh man den Beutel entfernt. Eine Zeit lang habe ich in Polen Tee gekauft, ganz einfach aus dem Grund weil er dort unheimlich billig war. Dort hast du darmals für achtzig Teebeutel der Sorte Earl Grey umgerechnet gerade mal einen Euro gezahlt. Hier haben fünfundzwanzig Beutel zwei Euro gekostet. Nur kommt die achtzig-Beutel Variante geschmacklich nicht annährend an die fünfundzwanziger ran.

Das ganze lässt sich also überhaupt nicht vergleichen.

_ - _ 200905102349